Die ESAs stufen Private Credit in ihrem heute erschienenen „Autumn 2026 risk update“ als eine der zentralen Verwundbarkeiten des EU-Finanzsystems ein: Der Sektor wachse rasant, sei intransparent und zunehmend mit dem übrigen Finanzsystem verzahnt. Genannt werden ungenaue Kreditbewertungen, hohe Kreditrisiken, ungeklärter Leverage und Datenlücken. Die Warnung ist berechtigt, darf aber nicht zur Behinderung dieser Finanzierungsquelle führen. Ziel muss Finanzmarktstabilität unter Wahrung der Chancen dieses Marktes sein, denn das nützt der Realwirtschaft am meisten.
Die Lücke, die Private Credit füllt
Steigende Kapitalanforderungen haben Banken aus Teilen des Unternehmenskreditmarkts zurückgedrängt. Private Credit füllt diese Lücke. Es wächst dynamisch, bleibt aber deutlich kleiner als Bankkredit- und Anleihemarkt, und erreicht Segmente, die bankbasiert nicht mehr wirtschaftlich bedient werden können. Für die Realwirtschaft ist das eine gute Nachricht:
- Mittelständler ohne Kapitalmarktzugang erhalten schnelle, flexible Liquidität und langfristiges Kapital in passgenauen Strukturen.
- Jenseits von Banksyndizierungen, teils ohne laufende Tilgung, unterstützt Private Credit Wachstums- und Buy-and-Build-Strategien, wo die Hausbank an Eigenkapitalgrenzen stößt.
- Kreditfonds bringen Risikoappetit und institutionelles Kapital dorthin, wo Bankfinanzierung weniger wirtschaftlich ist.
- Versicherer, Pensionskassen und zunehmend Privatkunden finanzieren langfristige Floating-Rate-Strukturen mit stabilen Cashflows, die gerade für Infrastruktur- und Projektfinanzierungen attraktiv sind.
Politisch ist diese Funktion längst anerkannt: Schon der erste Aktionsplan zur Kapitalmarktunion von 2015 betonte die Rolle von Fonds für die Transformationsfinanzierung. Private Credit war damit von Beginn an als Baustein einer kapitalmarktbasierten, die Banken ergänzenden Finanzierungsarchitektur gedacht.
Die berechtigten Sorgen der ESAs – und warum sie ernst zu nehmen sind
Bewertungslücken, intransparente Leverage-Ketten, mögliche verdeckte Fristentransformation und Datenlücken erschweren weiterhin die Risikoanalyse (siehe TSI kompakt vom 13. März 2026). Vor allem der Transparenzpunkt trifft den Kern: Eine Aufsicht, die Exposures und Verflechtungen nicht sieht, kann Finanzmarktstabilität schwerlich sichern. Berechtigt ist auch der Einwand, dass Bewertungen illiquider Assets in Stressphasen systematisch zu positiv ausfallen könnten. Da das Segment klein ist, entsteht systemisches Risiko vor allem über Kanäle wie die Verflechtung mit Banken und Versicherern. Banken erzielen mit Funds Finance womöglich höhere Eigenkapitalrenditen als mit Direct Lending und finanzieren so einen nicht unerheblichen Teil des Marktes. Mehr Transparenz ist daher keine Überregulierung, sondern Voraussetzung für das langfristige Vertrauen institutioneller Investoren.
Auf dem Weg zu mehr Transparenz in der Transformationsfinanzierung?
Langfristiges Buy-and-Hold-Kapital passt strukturell zu Private Credit, ohne klassische Fristentransformation. Problematisch sind Liquiditätsasymmetrien in offenen Fonds mit illiquiden Assets sowie revolvierende Konstruktionen, bei denen Kredite ohne Tilgung an den nächsten Fonds überwälzt werden. Hier helfen keine Appelle, sondern Transparenz und Risikodisziplin. Genau darauf zielt die bereits angelaufene Regulierung.
Bestes Beispiel ist die AIFMD 2.0: Für kreditvergebende AIFs (Kreditvergabe als Hauptstrategie oder mindestens 50 % des NAV) gelten ab April 2027 erstmals harte gesetzliche Vorgaben zu Portfolioqualität, Herkunftspolitik und Risikomanagement. Ein europaweit einheitlicher Rahmen könnte Vertrauen schaffen und intransparente Geschäftsmodelle disziplinieren. Darin liegt keine Bedrohung, sondern die Professionalisierung, die der Markt für seine zweite Wachstumsphase braucht.
Ergänzend konsultiert die EBA, große Wertpapierfirmen mit einem Gesamtvolumen über EUR 30 Mrd. als Kreditinstitute einzustufen. Das könnte ein sinnvoller Schritt sein, um Grauzonen zwischen Fonds- und Bankregulierung zu schließen, ohne das Geschäftsmodell infrage zu stellen. Eine frühe, konstruktive Beteiligung des Marktes ist dafür Voraussetzung.
Kooperation statt Disintermediation – mit wachen aufsichtlichen Augen
Eine Antwort auf die Sorgen der ESAs zeigt sich bereits im Markt: Banken liefern Origination und Kreditkompetenz, Fonds Kapital und Risikoappetit. Wegen möglicher Renditevorteile des Funds Finance verdient diese Vernetzung die Aufmerksamkeit der Aufsicht. Gleiches gilt für Verbriefungen: Sie verbreitern den Investorenkreis, dürfen aber nicht zu einem weiteren Leveraging Layer führen. Offensichtlich erscheint die Forderung, dass Informationen dadurch nicht verspätet beim Investor ankommen dürfen.
Fazit: Wachstum und Reifung
Private Credit ist kein Nischenthema mehr. Es prägt als stark wachsendes, wenn auch noch kleines Segment die Unternehmensfinanzierung, gerade im Mittelstand. Der Ruf der ESAs nach Wachsamkeit ist berechtigt und keineswegs marktfeindlich, denn er schützt die Stabilität, auf der diese Funding-Quelle wachsen kann. Der Markt tut gut daran, ihm zu folgen: Mit unabhängigen, zeitnahen Bewertungen, Transparenz über Leverage und Portfolioqualität sowie eher institutionellem als „retail-artigem“ Kapital. Mit AIFMD 2.0 gibt es dafür ab April 2027 erstmals einen gesetzlichen Rahmen. Aufgabe von Politik und Aufsicht ist es, Risiken zu überwachen, ohne eine Finanzierungsquelle zu schwächen, die die Lücke in der bankbasierten Unternehmensfinanzierung nachhaltig füllt, daraus ergibt sich die Anforderung eines proportionalen und effizienten aufsichtlichen Ansatzes, wir dürfen gespannt sein!
Links:
ESAs call for vigilance over external dependencies, cyber threats and private credit risks
